Geschichten
Das Märchen vom Mädchen, der Liebe und dem Meer
In einem kleinen,
einsamen Haus am weiten Strand der Insel irgendwo lebte ganz allein ein
junges Mädchen.
Es hatte sich hierher zurückgezogen, weil es in seinem bisherigen Leben
keine guten
Erfahrungen gesammelt hatte, aber hier in dem Haus war sie glücklich und
zufrieden.
Konnte sie doch morgens die aufgehende Sonne hinter den Dünen sehen,
tagsüber die Tiere
am Strand beobachten und abends den Sonnenuntergang auf dem Meer, dort wo
sich die Erde
krümmt.
Sie mochte besonders die Abende, wenn der Himmel klar war und die
Sonne scheinbar
ins Meer fiel. An solchen Abenden ging sie oft stundenlang am endlosen
weißen Strand
spazieren und genoss das Schauspiel, welches ihr die Natur bot.
Sie führte
ein ruhiges
und beschauliches Leben - Hektik und Stress waren ihr unbekannt, und sie
war mit sich und
der Welt recht zufrieden.
Hin und wieder fehlte ihr zwar jemand zum
Reden, aber im Großen
und Ganzen hatte sie, so meinte sie, keinen Grund sich zu beschweren.
Wenn sie unbedingt
ein Gespräch mit Menschen brauchte, ging sie in das Dorf oder sprach mit
den Möwen am
Strand, die sie zwar nicht verstanden, aber sie hatte zumindest jemand,
der ihr zuhörte, auch wenn es nur so schien.
Eines Tages ging
das Mädchen wieder in das Dorf und sprach mit einigen Einheimischen.
Mitten aus dem
Gespräch heraus wurde ihr plötzlich von einem der Dorfbewohner die Frage
gestellt:
"Sag mal, ist das nicht zu langweilig da draußen ohne jemanden zum
Reden? Man
braucht doch jemand zum Reden und man ist doch nicht auf der Welt, um
allein zu
sein."
"Doch", antwortete das Mädchen, "ich bin auf
der
Welt um allein
zu sein und ich muss allein sein, weil die Nähe von anderen Menschen für
mich zu
gefährlich ist."
Ihr Gesprächspartner schaute sie verwundert an.
"Wieso, seit
wann kann es gefährlich sein, wenn man mit jemandem zusammen ist? Ich
kann es mir nur als
schön vorstellen, mit jemandem zusammen zu sein, aber doch nicht alleine,
allein
verkümmert man doch."
Das Mädchen schaute ihn mit großen
verwunderten Augen an und
sagte: "Nein, das stimmt nicht. Solange ich allein bin, kann mir
niemand etwas tun.
Erst dann, wenn ich mit jemandem zusammen bin und voll auf ihn vertraue,
dann werde ich
verletzlich."
"Du bist ganz schön kaputt", meinte da ihr
Gegenüber.
"Wenn du schon Angst hast, dich auf jemanden einzulassen und Angst
hast, Gefühle an
dich herankommen zu lassen, ja, wofür bist du dann überhaupt da?"
"Für
mich", antwortete das Mädchen, "nur für mich allein und für die
Natur. Ich
helfe gerne, ich helfe auch gerne im Dorf, aber ich will alleine
bleiben."
"Du
spinnst", kam es von ihrem Gegenüber, er drehte sich um und ging.
Alle Leute, die
dieses Gespräch mit angehört hatten, schauten das Mädchen verwundert an,
schüttelten
den Kopf, drehten sich um und gingen ebenfalls weg.
So stand sie nun,
mitten im Dorf, ganz
allein auf dem Marktplatz und verstand sich und die Welt nicht mehr.
Warum sollte es so
verkehrt sein, was sie eben gesagt hatte? Warum sahen sie die Nähe, die
sie als
bedrohlich für sich empfunden hatte, als so schön?
Hatten sie denn nicht
ihre
Erfahrungen gesammelt? Oder wollten sie einfach nur nicht wahrhaben, daß
Nähe so
verletzlich und schwach macht?
Sie drehte sich um und ging zurück an den
Strand in ihr
Haus, aber mit dem festen Vorsatz, auf ihrem heutigen Abendspaziergang
noch einmal über
die ganze
Sache nachzudenken.
Weil es ein
schöner Sommertag war, beschloss sie, zunächst einmal schwimmen zu gehen.
So verging der
Tag ohne weitere Vorkommnisse.
Als der Abend dämmerte, zog sich das
Mädchen etwas
wärmer an, ging aus ihrem Haus an das Meer hinunter, das so friedlich wie
selten war.
Sie
schlug den Weg am Strand ein, der die längste Strandwanderung versprach,
weil hier auf
dieser Seite der Strand scheinbar nie zu enden schien.
Während sie so ging, rief sie
nochmal das am Vormittag im Dorf Erlebte in ihr Gedächtnis zurück.
Da gab
es also
Menschen, die hielten das was sie nur als Schlechtes erfahren hatte, für
die schönste
Sache der Welt. Ja, sogar als Lebensinhalt.
Sie konnte das alles nicht
verstehen. Sie
hatte ja auch ihre Erfahrungen gesammelt und versucht mit Menschen
zusammen zu leben. Ja,
sie war sogar soweit gegangen, dass sie sich total aufgegeben hatte,
aufgegeben für ihr
Gegenüber und das Ergebnis war stets das Gleiche gewesen: stets blieb sie
allein und
enttäuscht zurück, bis sie zu dem Punkt gelangte, wo sie sagte:
"Jetzt will ich
nicht mehr, jetzt will ich nur noch für mich da sein. Alles andere würde
mich
zerstören. Noch einmal die Zurückgebliebene zu sein, das würde ich nicht
überstehen."
Aber warum sahen alle das Zusammensein als so ideal an,
wenn man doch
so schlechte Erfahrungen machen konnte?
Ihr wollte einfach keine Antwort
auf diese Frage
einfallen, irgendwie musste doch etwas an der Sache sein, wenn so viele
Menschen das für
gut hielten und das als Ziel sahen, dann konnte es garnicht so verkehrt
sein.
Vielleicht
gab es ja wirklich die Möglichkeit, dass Menschen miteinander auskommen,
ohne sich
gegenseitig zu verletzen. Daß zwei Menschen miteinander und ganz eng
beieinander sein
können, ohne dass am Ende einer von beiden enttäuscht wird? Sollte das
wirklich möglich
sein? Nur, wenn das möglich wäre, wo wäre es möglich? Wo würde es gehen?
Vielleicht
dort hinten hinter der Krümmung der Erde, wo jetzt gerade die Sonne
glühend rot
verschwindet? Vielleicht dort? Vielleicht ist dort die Möglichkeit, doch
wie komme ich
dahin? - überlegte sie weiter, und wer und was wartet dort hinten auf
mich, wenn ich es
erreichen sollte?
Ich bin zwar eine gute Schwimmerin, aber so weit
schwimmen kann ich nicht. Dort hinlaufen geht auch nicht, ein Boot nehmen
vielleicht, doch
dann bin ich es
nicht selbst, die dort hinkommt, sondern werde gebracht.
Fliegen müsste
man können!
Naja, aber fliegen kann ich nicht, also werde ich wohl mein Leben
weiterleben, dachte sie
so vor sich hin und beschloss, gleichzeitig heimwärts zu gehen, denn es
wurde inzwischen
schon dunkel.
Zu Hause angekommen machte sie den Kamin in der kleinen
Stube an und
beschloss, die Gedanken über das Zusammensein vorläufig auf Eis zu legen,
denn sie lebte
ja eigentlich ganz gut.
Tage vergingen, Wochen vergingen, der Sommer ging
vorüber, es kam
der Herbst, es kam der Winter und damit die langen, kalten Nächte. Es gab
Schnee und sehr
viel Frost. Draußen in der Natur wurde auch alles frostiger und eisiger.
Nur hin und
wieder sah man noch Möwen am Strand ruhelos hin und her wandern.
Auch die
Leute im Dorf
sah man jetzt weniger draußen. Sie zogen es vor, in ihren warmen
gemütlichen Häusern
mit ihrer Familie zusammen zu sein.
An einem dieser
kalten Wintertage klopfte es an der Tür vor dem Haus, in dem das Mädchen
wohnte.
Das
Mädchen erschrak, denn sie hatte sich gerade zurückgesetzt und ein
schönes Buch
genommen, um es zu lesen. Bücher waren in dieser Jahreszeit ihre einzigen
Freunde. Sie
stand auf und öffnete die Tür.
Vor ihr stand ein junger Mann. Sie traute
ihren Augen
nicht, denn erstens war es äußerst selten, dass sie hier draußen Besuch
bekam und
zweitens, wenn sie schon Besuch bekam, war er immer weiblich gewesen und
jetzt
ausgerechnet im Winter ein junger Mann?
Was das wohl zu bedeuten hatte?
Da sie aber nicht
unhöflich war, bat sie ihn herein.
"Komm doch rein und setz sich zu
mir ans
Feuer".
Er trat ein, legte seine Jacke ab, seine Mütze, seine
Handschuhe und setzte
sich zu ihr.
Sie fragte ihn: "Was willst du von mir?"
"Hm
ja, ich habe
gehört, du lebst hier draußen ganz allein und willst mit keinem zusammen
sein?"
"Das ist richtig", antwortete das Mädchen.
"Ja warum denn
nicht?"
"Ach weißt du, ich habe in meinem Leben so viele schlechte
Erfahrungen mit Menschen
gemacht, die ich zu nahe an mich herankommen hab lassen, als dass ich
jetzt noch einmal
den Mut hätte, mit jemandem so nahe zu sein, daß er mir gefährlich werden
könnte."
"Hm", meinte der junge Mann, "dann ist es
dir ähnlich
ergangen wie mir, auch ich habe bisher nur schlechte Erfahrungen gemacht.
Aber deshalb
will ich noch lange nicht alleine bleiben."
"Wieso?"
fragte das Mädchen,
"reicht es dir denn nicht, was du erlebt hast?"
"Doch, ich
wäre fast daran
zugrunde gegangen", war die Antwort, "aber, wenn ich alleine
bin, dann geh ich
noch viel eher zugrunde, dann fehlt mir die Ansprache, fehlt mir der
Punkt, wo ich meine
Liebe hinwenden kann. Wohin wendest du denn deine Liebe hier draußen in
der
Einsamkeit?"
"Ach, ich habe meine Tiere."
"Welche
Tiere?"
"Ja, die Tiere in der Natur."
"Denen kannst du Liebe
geben?"
"Ja!"
"Geben sie dir auch Liebe zurück?"
"Nein,
aber ich kann
mit ihnen reden wann ich will und machmal habe ich sogar das Gefühl, dass
sie mir
zuhören."
"Das nennst du Liebe?"
"Nein, das nenne ich
nicht unbedingt
Liebe, aber es ist zumindest besser, als wenn ich mich jemandem
ausliefern müsste und
dann von ihm gefressen werden würde."
"Wer frisst denn einen,
wenn man sich
ausliefert?"
"Naja, das sind eben meine Erfahrungen."
"Ach du Arme, du
scheinst wirklich bis jetzt nur schlechte Erfahrungen gesammelt zu haben.
Sicher, auch ich
habe schlechte Erfahrungen gesammelt. Auch ich bin oft enttäuscht worden,
aber ich glaube
einfach daran, daß es die Liebe irgendwo gibt."
In diesem Moment
fiel dem Mädchen
wieder ihr Abendspaziergang vom Sommer des Jahres ein. Als sie einen
klitzekleinen Moment
glaubte, dass dort hinten, weit draußen auf dem Meer, dort wo die Erde
sich rundet,
vielleicht die Liebe sein könnte. Nur, sie wusste nicht, wie sie dort
hinkommen sollte.
Das erzählte sie dem jungen Mann und dieser hörte aufmerksam zu.
"Ja", sagte
er, "sicher, dort hinten könnte die Liebe sein."
"Aber ich
weiß nicht,
wie ich dort hinkommen soll."
"Du hast doch vorhin selbst
gesagt: Fliegen!"
"Wie soll ich fliegen? Ich habe keine Flügel und ich habe das
Fliegen nie
gelernt."
Da lachte der junge Mann und sagte: "Du brauchst
nicht tatsächlich zu
fliegen. Du musst nur in deinen Gedanken fliegen, das ist garnicht so
schwer, das braucht
man auch nicht lernen, denn fliegen kann jeder von uns, nur die meisten
Menschen haben es
leider verlernt."
"Kannst du denn fliegen?", fragte das
Mädchen.
"Ja,
hm, es geht so einigermaßen. Etwas fliegen habe ich wohl mittlerweile
gelernt, nur, es
will noch nicht so recht klappen, weil ich schon oft auf die Nase dabei
gefallen
bin. Doch wenn ich jemand hätte, der den Mut aufbringen würde, mit
mir zu fliegen,
dann, ja dann kann ich mir vorstellen, es zu schaffen. Und dann kann ich
mir vorstellen,
mit dem zusammen wirklich das zu erleben, was man Liebe nennt."
"Und wenn du
wieder abstürzt?"
"Tja, dann habe ich eben Pech gehabt."
"Hach, bist
du ein hoffnungsloser Optimist. Bist du denn nicht schon oft genug auf
die Nase gefallen,
dass du es jetzt auch noch versuchen willst?"
"Gut, vielleicht
bin ich oft genug
auf die Nase gefallen, aber ich habe begriffen, daß ich ohne Liebe nichts
bin. Deshalb
werde ich wohl immer wieder anfangen zu fliegen."
"Und es gibt
genügend Leute,
die mit dir fliegen?"
"Nein, nur ganz wenige Leute, eigentlich
garkeinen, der
bisher den Mut hatte, mit mir zu fliegen."
" Wie war das dann für
dich?"
"Meistens bin ich alleine losgeflogen und wenn ich dann schon
unterwegs war, habe ich
erkannt, daß ich allein war. In dem Moment, wo ich das gesehen habe, bin
ich abgestürzt
und habe mir wahnsinnig weh getan."
"Irgendwie überzeugt mich
das ja, was du
mir da so erzählst, aber ich muß darüber erst noch einmal
nachdenken", sagte das
Mädchen, "ich wäre jetzt ganz gern allein."
"Gut, wenn du
alleine sein
möchtest, dann werde ich dich jetzt verlassen."
"Halt, halt,
nicht so schnell.
Ich fände es schön, wenn du mal wieder kommen würdest."
"Wenn
du das
möchtest, gerne."
So standen sie nun voreinander, der junge Mann zog
seine Jacke an,
setzte seine Mütze auf, zog seine Handschuhe an, ging durch die Tür und
verschwand in
der kalten Winternacht.
Das Mädchen blieb allein im Haus zurück und
dachte noch bis tief
in die Nacht über das Gespräch mit dem jungen Mann nach.
Es vergingen Tage,
und es vergingen wiederum Wochen. Der Frühling kam, als es eines abends
wieder an der
Tür des Hauses klopfte. Draußen stand - ja richtig - wieder der junge
Mann.
"Hallo,
wie geht es dir?", fragte er.
"Mir geht es gut. Hast du
jemanden zum Fliegen
gefunden?"
"Nein."
"Und du suchst immer noch?"
"Ja."
"Ich glaube, du hast damals Recht gehabt mit dem, was du mir erzählt
hast",
sagte das Mädchen, "und ich würde gerne mit dir einen Versuch zu
fliegen
wagen."
"Gut", antwortete der junge Mann, "komm, lass
uns aufbrechen
..."
"Nicht so schnell, nicht so schnell, erst muss ich noch
einiges
regeln."
"Nein, wenn du fliegen willst, mußt du jetzt
fliegen."
Das
Mädchen überlegte nicht lange und beide rannten hinaus aus der Hütte,
geradewegs auf
die offene See zu. Sie hoben ab und begannen zu fliegen. Sie flogen weit,
weit weg.
Ob sie das
gefunden haben, was sie suchten und was wir die wahre Liebe nennen?
Gibt es sie?
